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Wiedergeburt in Waffen:

Ukrainische Literatur seit dem Beginn der Invasion in deutsch-ukrainischen Tandemübersetzungen

Das geplante Projekt möchte dem deutschsprachigen Publikum auch Stimmen von weniger bekannten ukrainischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller näherbringen und damit auch weitere übersetzerische Initiativen vorantreiben. Die Übersetzung der Texte wird durch deutsch-ukrainische Arbeitsgruppen vorgenommen, die sich aus Studierenden beider Länder zusammensetzen, vorrangig solche der Fachrichtungen Translatologie, Slawistik und Germanistik.

Ausgangslage und Zielsetzung

Kurz nach der Veröffentlichung der Anthologie „Zwischen Apokalypse und Aufbruch. Der Donbas-Krieg in ukrainischer Krisenliteratur“ im Oktober 2021, die im Rahmen des gleichnamigen, vom DAAD (Projekt-ID: 57570141) sowie vom Referat für Internationale Zusammenarbeit (Projekt-ID:  PF13/2021) geförderten Projekts entstand, bahnte sich im Folgemonat mit einem massiven russischen Truppenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine eine Entwicklung an, die in den völkerrechtwidrigen Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 mündete. Während die zwischen 2015 und 2020 entstandenen Texte der Anthologie auch und vor allem eine Phase der Stagnation in der Zeit eines brüchigen Waffenstillstandes im Osten der Ukraine beschreiben, sieht sich die ukrainische Literatur seit 2022 mit der Tatsache einer Invasion konfrontiert, die auf die Vernichtung der Ukraine als Staat und als von Russland unabhängigen Kulturraum abzielt. Autoren der Anthologie wurden als Freiwillige (Sergej Lojko) oder Wehrpflichtige (Artem Tschech, Wsewolod Stebljuk, Andrij Selinskyj) zu Kriegsteilnehmern. Weitere Autoren leben als Flüchtlinge im europäischen Ausland, andere wie Viktorija Amelina und Wolodymyr Wakulenko wurden durch die russischen Angreifer ermordet. Zugleich jedoch ist die ukrainische Literatur nicht verstummt. Seit Beginn der Invasion sind zahlreiche neue Texte erschienen, die die Ukrainer als Gemeinschaft ansprechen und diese Gemeinschaft auch für die übrige Welt greifbar machen können.

Wir möchten darum der ersten Anthologie eine weitere folgen lassen, die ukrainische Texte aus den Jahren 2022 und 2023 vereint, darunter auch Texte, die jenen Autorinnen und Autoren in Denkmal setzen, die zu den Opfern des Krieges gezählt werden müssen. Außerdem wollen wir jungen Menschen aus Deutschland und der Ukraine die Möglichkeit geben, miteinander in unmittelbaren Kontakt zu kommen und eigene Erfahrungen auszutauschen sowie ihre Kenntnisse und ihre Perspektiven auf den Krieg in der Ukraine zu vertiefen und gegebenenfalls auch zu revidieren.

Dadurch trägt das geplante Projekt zu der binationalen Verständigung, zum besseren Verständnis der aktuellen Situation in Ostmitteleuropa bei und stärkt Demokratisierungsprozesse auf beiden Seiten.

Der titelgebende Begriff der „Wiedergeburt“ bezieht sich auf die Verwendung dieses Begriffs durch den ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelenskyj in seiner Rede „Ein freies Volk“ am 24.08.2022, dem ukrainischen Unabhängigkeitstag, in der er eine Neuwerdung der Ukraine und der Ukrainer als Ergebnis des Krieges in Aussicht stellt. Der Begriff der Widergeburt prägte zuvor bereits die ukrainische Nationalbewegung im 19. Jahrhundert und beschreibt ebenso das Scheitern der Bemühungen um kulturelle Eigenständigkeit während der Stalin-Zeit, als hunderte ukrainische Intellektuelle, Künstler und Literaten den Säuberungen zum Opfer fielen. Ihre Generation ist heute als „Розстріляне відродження“ (dt. etwa „Erschossene Wiedergeburt“) ein wichtiger Teil der kollektiven Erinnerung in der Ukraine.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der seit Februar 2022 eine neue Phase erlebt, hat außer globalen Fragen, wie internationale Sicherheitsarchitektur und globale Energie- und Lebensmittelkrise, auch viele bilaterale, für den deutsch-ukrainischen Kontext relevante Probleme und Fragen ans Tageslicht gebracht. Auf der einen Seite zeigte sich zu Beginn der Invasion, dass das Verstehen der Ukraine-Problematik im deutschen Kontext in vielen Fällen immer noch von dem russischen Propagandanarrativen, Softpower der russischen Außenpolitik, geprägt war, die bis heute nicht komplett eliminiert werden konnte, und sich  die Ukraine-Expertise weitestgehend auf einen relativen engen Kreis der Ostmitteleuropa-Experten beschränkte und sich aber mit der Zeit und einer aktiven medialen Darstellung des Krieges, der Ukraine selbst die Situation zum Besseren änderte. Das Interesse an der Ukraine und dem Krieg in der Ukraine bleibt trotz der für die mediale Landschaft relativ langen Periode mehr oder weniger kontinuierlich hoch, erstreckt sich nicht nur aber auf die Berichterstattung über die aktuellen Kriegsereignisse in Zeitschriften und Zeitungen, sondern strahlt auch auf solche Bereiche, wie Musik, Theater, Kunst und Literatur aus.

Das geplante Projekt möchte dem deutschsprachigen Publikum auch Stimmen von weniger bekannten ukrainischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller näherbringen und damit auch weitere übersetzerische Initiativen vorantreiben. Die Übersetzung der Texte wird durch deutsch-ukrainische Arbeitsgruppen vorgenommen, die sich aus Studierenden beider Länder zusammensetzen, vorrangig solche der Fachrichtungen Translatologie, Slawistik und Germanistik.

Die neue Anthologie soll einen multiperspektivischen Blick auf den Krieg bieten und das Erleben von Soldaten und Zivilisten, von Geflüchteten und unter Besatzung Lebenden zu einem Mosaik von Schilderungen verschiedenster Provenienz kombinieren. Diese Diversität der Darstellungen schließt die Diversität der Darstellenden sowie die Mannigfaltigkeit möglicher Textsorten (Drama, Lyrik, Roman, Kurzgeschichte, Tagebuch etc.) ein.

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01.01. -

31.12.2024

Leipzig
Deutschland

Projektleitung

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Dr. Christian-Daniel Strauch

Oksana Molderf

Gefördert durch

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